Emotionen und Glaubensätze
Nicht alles, was du über dich glaubst, entspricht der Realität.
Wir alle haben Vorstellungen darüber, wer wir sind, was wir können und was für uns möglich ist. Manche davon helfen uns, uns in der Welt zurechtzufinden. Andere schränken uns ein, weil sie nicht mit der Realität übereinstimmen.
Vielleicht bist du überzeugt, dass du nicht gut genug bist, dass andere Menschen dich ohnehin ablehnen oder dass du bestimmte Dinge niemals erreichen kannst. Solche Überzeugungen können beeinflussen, welche Entscheidungen du triffst, welche Möglichkeiten du überhaupt in Betracht ziehst und wie du auf andere Menschen reagierst.
Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied, der bei der Arbeit mit Glaubenssätzen häufig übersehen wird: Nicht jede unangenehme Überzeugung über dich selbst ist falsch. Und nicht jede persönliche Grenze verschwindet, wenn du einen Glaubenssatz auflöst.
Um sinnvoll mit Glaubenssätzen zu arbeiten, müssen wir deshalb zunächst verstehen, was sie eigentlich sind und wann sie tatsächlich zum Problem werden.
Was sind Glaubenssätze?
Glaubenssätze sind Überzeugungen, die wir über uns selbst, andere Menschen und die Welt entwickelt haben. Sie entstehen aus unseren Erfahrungen, aus dem, was wir beobachten, und aus den Bewertungen und Vorstellungen, die wir im Laufe unseres Lebens von anderen übernehmen.
Wenn ein Kind beispielsweise immer wieder hört, dass es ungeschickt sei, kann es diese Einschätzung irgendwann übernehmen. Später hält es sich möglicherweise auch in Situationen für ungeschickt, in denen es die notwendigen Fähigkeiten längst entwickelt hat.
Andere Glaubenssätze betreffen unsere Beziehungen, unseren Selbstwert oder die Bedingungen, unter denen wir uns sicher und anerkannt fühlen. Dazu gehören Überzeugungen wie „Ich darf keine Fehler machen“, „Ich muss es allen recht machen“ oder „Wenn jemand anderer Meinung ist, lehnt er mich ab“.
Solche Überzeugungen müssen uns nicht ständig bewusst sein. Häufig bemerken wir sie erst, wenn wir uns fragen, weshalb wir in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagieren oder bestimmte Möglichkeiten von vornherein ausschließen.
Problematisch werden Glaubenssätze insbesondere dann, wenn sie unsere Wahrnehmung der Realität verzerren und wir unser Denken, Fühlen oder Handeln an diesen falschen Vorstellungen ausrichten.
Glaubenssatz oder Realität? Warum dieser Unterschied entscheidend ist
In der Arbeit mit Glaubenssätzen begegnet uns häufig die Vorstellung, dass wir nur unsere negativen Überzeugungen auflösen müssten, um endlich das Leben führen zu können, das wir uns wünschen.
Doch so einfach ist es nicht. Denn zwischen dem, was wir über uns glauben, dem, was wir tatsächlich können, und dem, was wir überhaupt entwickeln können, bestehen wesentliche Unterschiede.
Ein Glaubenssatz oder eine realistische Einschätzung?
Stell dir zwei Menschen vor, die beide überzeugt sind: „Ich bin nicht intelligent genug, um Medizin zu studieren.“
Der erste verfügt über die notwendigen kognitiven Voraussetzungen, hat gute schulische Leistungen erbracht und kann komplexe Zusammenhänge verstehen. Trotzdem traut er sich ein Medizinstudium nicht zu, weil er seit seiner Kindheit davon überzeugt ist, nicht besonders intelligent zu sein. Seine Überzeugung entspricht nicht seinen tatsächlichen Fähigkeiten und hält ihn möglicherweise davon ab, seine Möglichkeiten zu nutzen.
Beim zweiten Menschen sieht es anders aus. Er hat tatsächlich erhebliche Schwierigkeiten, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, und verfügt möglicherweise auch nicht über das Potenzial, die für ein Medizinstudium erforderlichen Fähigkeiten in ausreichendem Maße zu entwickeln. Seine Einschätzung kann deshalb durchaus realistisch sein.
Beide Menschen glauben dasselbe über sich. Aber nur bei einem von ihnen muss diese Überzeugung die Realität verzerren.
Beim ersten kann die Auflösung des hinderlichen Glaubenssatzes dazu beitragen, vorhandene Möglichkeiten überhaupt in Betracht zu ziehen. Beim zweiten würde die Auflösung seiner Überzeugung dagegen nichts an den tatsächlichen Voraussetzungen ändern.
Das bedeutet nicht, dass der zweite Mensch nichts mehr entwickeln kann. Aber Entwicklung findet innerhalb der individuell vorhandenen Möglichkeiten statt. Nicht jedes gewünschte Ziel ist allein deshalb erreichbar, weil wir bereit sind, dafür zu arbeiten.
Deshalb müssen wir unterscheiden zwischen dem, was wir über uns glauben, dem, was wir tatsächlich können, und dem, was wir überhaupt entwickeln können.
Warum positives Denken keine fehlenden Fähigkeiten ersetzt
Wenn wir eine falsche Überzeugung über uns auflösen, kann das unseren Handlungsspielraum erweitern. Wir trauen uns möglicherweise etwas zu, das wir bisher vermieden haben, oder nehmen Möglichkeiten wahr, die wir zuvor ausgeschlossen haben.
Das bedeutet allerdings nicht, dass durch die Auflösung automatisch neue Fähigkeiten entstehen.
Wer Schwierigkeiten hat, seine Gedanken zu strukturieren, wird nicht allein dadurch zu einem guten Redner, dass er sich für rhetorisch begabt hält. Wer bestimmte Anforderungen noch nicht bewältigen kann, benötigt möglicherweise zunächst die entsprechenden Fähigkeiten. Und selbst mit gezielter Entwicklung ist nicht jedes Leistungsniveau für jeden Menschen erreichbar.
Die Auflösung eines Glaubenssatzes kann den Blick auf vorhandene Möglichkeiten freigeben. Sie kann aber weder fehlende Fähigkeiten ersetzen noch die Grenzen unseres Entwicklungspotenzials aufheben.
Deshalb geht es bei einer sinnvollen Arbeit mit Glaubenssätzen nicht darum, möglichst viele negative Überzeugungen durch positive zu ersetzen. Entscheidend ist, dass unsere Vorstellungen über uns selbst zunehmend mit der Realität übereinstimmen.
Wie hängen Glaubenssätze und Emotionen zusammen?
Glaubenssätze beeinflussen nicht nur unsere Gedanken, sondern auch, wie wir Situationen emotional erleben.
Stell dir vor, ein Kollege kritisiert einen Vorschlag von dir. Wenn du überzeugt bist, dass Kritik bedeutet, nicht gut genug zu sein, kann seine Rückmeldung starke Scham, Angst oder Wut auslösen. Du fühlst dich möglicherweise persönlich angegriffen, obwohl dein Kollege lediglich einen sachlichen Einwand vorgebracht hat.
Die emotionale Reaktion entsteht in diesem Fall nicht allein durch das, was dein Kollege gesagt hat. Entscheidend ist auch, welche Bedeutung du seiner Aussage gibst.
Umgekehrt können emotionale Erfahrungen unsere Glaubenssätze verstärken. Wer sich beispielsweise wiederholt abgelehnt fühlt, kann daraus die Überzeugung entwickeln, grundsätzlich unerwünscht zu sein. Besteht diese Überzeugung erst einmal, werden spätere Situationen möglicherweise ebenfalls als Ablehnung interpretiert – selbst wenn es dafür keinen ausreichenden Anlass gibt.
Glaubenssätze und Emotionen können sich auf diese Weise gegenseitig beeinflussen und verstärken.
Deshalb kann es bei der Bearbeitung eines Themas notwendig sein, sowohl die zugrunde liegende Überzeugung als auch die damit verbundenen Emotionen zu betrachten.
Was passiert, wenn wir unsere Emotionen nicht angemessen verarbeiten?
Emotionen gehören zu unserem Erleben. Angst, Wut, Trauer, Scham oder Freude liefern uns Informationen darüber, wie wir eine Situation wahrnehmen und welche Bedeutung sie für uns hat.
Allerdings fällt es uns nicht immer leicht, mit diesen Emotionen umzugehen. Manche Menschen versuchen, unangenehme Gefühle möglichst schnell zu unterdrücken oder sich von ihnen abzulenken. Andere reagieren unmittelbar auf das, was sie empfinden, und setzen ihre Emotionen in Handlungen um.
Beides ist nicht dasselbe wie eine bewusste emotionale Verarbeitung.
Eine Emotion fühlen ist nicht dasselbe wie sie auszuagieren
Wenn du wütend bist, kannst du diese Wut wahrnehmen, ohne deshalb jemanden anschreien zu müssen. Du kannst bemerken, wie sich die Wut körperlich anfühlt, welche Gedanken damit verbunden sind und was sie in dir auslöst.
Wenn du dagegen sofort laut wirst, jemanden angreifst oder Gegenstände durch die Gegend wirfst, setzt du die Emotion unmittelbar in eine Handlung um. Das kann kurzfristig Spannung abbauen, bedeutet aber nicht automatisch, dass du verstanden oder verarbeitet hast, was dich eigentlich so wütend gemacht hat.
Die Fähigkeit, eine Emotion wahrzunehmen und auszuhalten, ohne ihr unmittelbar folgen zu müssen, schafft mehr Möglichkeiten, mit einer Situation umzugehen.
Du musst eine Emotion nicht unterdrücken, um dein Verhalten bewusst zu steuern. Aber du musst auch nicht jede Emotion ausagieren, nur weil du sie empfindest.
Wie gut uns das gelingt, hängt unter anderem davon ab, welche Fähigkeiten zur emotionalen Regulation wir bereits entwickelt haben und wie stark wir aktuell belastet sind.
Warum das Erkennen eines Musters noch nicht bedeutet, dass es aufgelöst ist
Vielleicht weißt du längst, weshalb du auf Kritik empfindlich reagierst. Du erkennst die dahinterliegenden Glaubenssätze und verstehst, woher sie kommen. Trotzdem fühlst du dich bei der nächsten kritischen Rückmeldung wieder persönlich angegriffen.
Etwas über uns zu wissen bedeutet nicht automatisch, dass sich unser emotionales Erleben verändert hat. Ein Glaubenssatz kann uns bewusst sein und dennoch weiterhin unsere Wahrnehmung und unsere Reaktionen beeinflussen.
Deshalb reicht es nicht immer aus, belastende Überzeugungen und emotionale Muster lediglich zu erkennen oder gedanklich zu hinterfragen. Sie müssen gegebenenfalls gezielt bearbeitet und aufgelöst werden.
Wie wir mit Emotionen und Glaubenssätzen arbeiten
Mit dem Release und Awareness Key haben Johanna Llin und Lena Polte eine Coaching-Methode entwickelt, mit der belastende Emotionen und hinderliche Glaubenssätze herausgearbeitet und aufgelöst werden können.
Die Methode geht darüber hinaus: Sie bezieht auch die zugrunde liegenden EGO-Strukturen ein und verbindet damit emotionale Entlastung mit psychologischer Entwicklungsarbeit.
Du möchtest mehr darüber erfahren, wie wir mit Emotionen, Glaubenssätzen und EGO-Strukturen arbeiten?