Neurologische Entwicklung

Die neurologische Entwicklung des Menschen lässt sich grob in drei große Meilensteine unterteilen: die neuromotorische Reife, die sensorische Integration und die bilaterale Integration. Sie begleiten die Entwicklung vom Säugling bis ins junge Erwachsenenalter und schaffen nach und nach die neurologischen Voraussetzungen für Wahrnehmung, Bewegung, Selbstregulation und zunehmend komplexere geistige Fähigkeiten.

Die neuromotorische Reife entwickelt sich vor allem innerhalb des ersten Lebensjahres, die sensorische Integration bis ungefähr zum siebten Lebensjahr und die bilaterale Integration begleitet die weitere Reifung bis ins junge Erwachsenenalter.

Neuromotorische Reife bedeutet vereinfacht, dass frühkindliche Reflexe integriert werden und der Körper zunehmend bewusst, zielgerichtet und unabhängig gesteuert werden kann. Das Kind lernt unter anderem, sich aufzurichten, zu stehen und zu gehen sowie seine Gliedmaßen zunehmend unabhängig voneinander zu bewegen.

Bei der sensorischen Integration entwickeln und vernetzen sich die verschiedenen Sinne zunehmend miteinander. Informationen aus dem eigenen Körper und der Umwelt können immer besser aufgenommen, miteinander abgeglichen und zu einer zusammenhängenden Wahrnehmung verarbeitet werden.

Die bilaterale Integration beschreibt schließlich die zunehmende Zusammenarbeit beider Körper- und Gehirnhälften. Sie schafft Voraussetzungen dafür, Informationen über beide Seiten hinweg zu koordinieren und zunehmend komplexe kognitive Fähigkeiten zu entwickeln.

Es geht also nicht nur darum, dass ein Kind irgendwann sitzen, laufen, sehen, hören oder komplex denken kann. Entscheidend ist, wie das Nervensystem organisiert ist, das diese Leistungen hervorbringt. Denn eine sichtbare Leistung kann auch dann vorhanden sein, wenn die eigentlich dafür vorgesehene Funktion noch nicht ausreichend entwickelt wurde und andere Funktionen einen Teil ihrer Aufgabe übernehmen.

Genau deshalb können neurologische Entwicklungslücken lange unbemerkt bleiben.

Wenn wir neurologische Entwicklung nachholen möchten, müssen wir deshalb zunächst herausfinden, wo das Nervensystem tatsächlich steht und an welcher Stelle die weitere Entwicklung sinnvoll beginnen kann. Deshalb testen wir das Nervensystem im Neurotraining gezielt auf seinen aktuellen Entwicklungsstand. So können wir erkennen, welche Entwicklungsschritte bereits ausreichend erfolgt sind, wo Entwicklungslücken bestehen und an welcher Stelle wir mit dem Neurotraining ansetzen müssen.

Neuromotorische Reife und frühkindliche Reflexe

Der erste große Meilenstein der neurologischen Entwicklung ist die neuromotorische Reife. Sie entwickelt sich optimalerweise innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate und steht in engem Zusammenhang mit der Integration frühkindlicher Reflexe.

Frühkindliche Reflexe sind zunächst automatisierte Bewegungsmuster. Sie ermöglichen dem Säugling Reaktionen und Bewegungen, die noch nicht bewusst gesteuert werden können, und erfüllen innerhalb dieser frühen Entwicklungsphase wichtige Aufgaben: Sie sichern das Überleben des Kindes in dieser Zeit.

Im Laufe des ersten Lebensjahres verändert sich dieses Reflexsystem. Einige frühkindliche Reflexe werden vollständig abgebaut, weil sie nicht mehr benötigt werden, andere entwickeln sich weiter. Bewegungen, die zunächst reflexhaft ausgelöst werden, können zunehmend bewusst und zielgerichtet gesteuert werden.

Reflexintegration bedeutet nicht einfach, frühkindliche Reflexe auszuschalten, sondern sie in das gesamte System des Körpers zu integrieren, sodass die damit verbundenen Funktionen zunehmend bewusst und koordiniert zur Verfügung stehen.

Mit der Reflexintegration entwickelt sich die neuromotorische Organisation des Kindes weiter. Es lernt, einzelne Körperbereiche zunehmend unabhängig voneinander zu bewegen, den eigenen Körper im Raum zu organisieren und Bewegungen gezielter zu steuern. Während dieser Zeit rollt, robbt, sitzt und steht das Baby, bevor es schließlich laufen lernt.

Auch Wahrnehmung und Bewegung werden dabei zunehmend miteinander verbunden. Die Wahrnehmung liefert Informationen über den eigenen Körper und die Umwelt, auf deren Grundlage Bewegung immer differenzierter gesteuert werden kann.

Die neuromotorische Reife ist deshalb wesentlich mehr als das Verschwinden einzelner frühkindlicher Reflexe. Sie beschreibt einen Entwicklungsschritt, durch den sich die Möglichkeiten des Nervensystems insgesamt erweitern.

Frühkindliche Reflexe organisieren Bewegung und Körperwahrnehmung

In den ersten zwölf Lebensmonaten besteht eine zentrale Entwicklungsaufgabe darin, den eigenen Körper in Bezug auf die Schwerkraft und den umgebenden Raum zu organisieren.

Das Baby muss erfahren, wo vorne und hinten, rechts und links sowie oben und unten sind. Es muss seine Körperachsen erschließen und zunehmend lernen, einzelne Körperbereiche unabhängig voneinander und später koordiniert miteinander zu bewegen. Schon der bisherige Seitentext beschreibt diese Orientierung an Schwerkraft und Körperachsen als zentrale Aufgabe des ersten Lebensjahres.

Die frühkindlichen Reflexe spielen dabei eine wichtige Rolle. Durch ihre wiederholte Auslösung entstehen zunächst reflexhafte Bewegungsmuster, aus denen sich im Laufe der Entwicklung zunehmend differenzierte und bewusst steuerbare Bewegungen entwickeln.

Dabei werden die Reflexe nicht willkürlich oder gleichzeitig integriert. Innerhalb unseres Modells lässt sich eine Entwicklungsreihenfolge erkennen, über die unterschiedliche Flächen, Richtungen und Bewegungsachsen des Körpers erschlossen und miteinander verbunden werden.

Zu Beginn stehen der Moro-Reflex beziehungsweise der tonische Labyrinthreflex (TLR) vorwärts. In diesem Entwicklungsschritt wird insbesondere die Bewegung nach vorne erschlossen: Ober- und Unterkörper können nach vorne aufeinander zubewegt werden.

Darauf folgt der asymmetrisch-tonische Nackenreflex (ATNR). Über ihn wird die Organisation von rechts und links weiterentwickelt. Eine Körperhälfte kann zunehmend als zusammenhängende Einheit unabhängig von der anderen bewegt werden. Damit beginnt eine wichtige Differenzierung der beiden Körperseiten.

Der TLR rückwärts erschließt anschließend die Bewegung nach hinten. Über Spinalen Galant und Perez werden weitere Bewegungsebenen miteinander verbunden, bevor mit dem STNR und schließlich den Überkreuzbewegungen beim Krabbeln zunehmend komplexere koordinierte Bewegungsmuster entstehen.

Am Ende dieses Entwicklungsprozesses steht damit nicht einfach ein „verschwundener Reflex“, sondern eine wesentlich differenziertere neuromotorische Organisation: Körperseiten und Gliedmaßen können zunehmend unabhängig und gleichzeitig koordiniert bewegt werden.

Die Furchtlähmungsreaktion nimmt eine Sonderstellung ein

Vor beziehungsweise innerhalb dieser Entwicklung nimmt die Furchtlähmungsreaktion eine besondere Stellung ein. Neurologisch betrachtet handelt es sich dabei nicht um einen Reflex im gleichen Sinne wie bei den späteren frühkindlichen Reflexen, sondern um einen sehr frühen Schutzimpuls.

Bei einer entsprechenden Bedrohung reagiert der Organismus mit Erstarrung. Diese Reaktionsmöglichkeit verschwindet auch beim Erwachsenen nicht vollständig, denn sie erfüllt weiterhin eine wichtige Schutzfunktion. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen sie aktiviert wird und welche weiteren Reaktionsmöglichkeiten dem Nervensystem zur Verfügung stehen.

Anders als die Furchtlähmungsreaktion, die als grundlegende Schutzreaktion auch im erwachsenen Nervensystem erhalten bleibt, gehört der Moro-Reflex zu den frühkindlichen Reflexen, die sich im Laufe der neurologischen Reifung verändern und integriert werden sollen. Der Moro-Reflex erfüllt zunächst ebenfalls eine wichtige Schutzfunktion. Bei einem Schreck werden Arme und Beine zunächst abgespreizt und anschließend wieder zum Körper geführt. Im Idealfall wird diese frühkindliche Reaktionsform im Laufe der Entwicklung integriert und durch die erwachsene Schreckreaktion, den sogenannten Strauss-Reflex, abgelöst.

Der entscheidende Unterschied liegt also darin, dass die Furchtlähmungsreaktion als Schutzmöglichkeit erhalten bleibt, während der Moro-Reflex eine frühkindliche Form der Schreckreaktion darstellt, die sich im Zuge der neuromotorischen Reifung weiterentwickeln soll.

Das Ziel neurologischer Reifung besteht deshalb nicht darin, Schutzreaktionen vollständig zu verlieren. Ein erwachsenes Nervensystem soll vielmehr über ein größeres und reiferes Reaktionsspektrum verfügen und nicht unter alltäglichen Bedingungen automatisch auf frühe reflexhafte Reaktionsmöglichkeiten angewiesen sein.

Warum wir heute nicht mehr direkt mit der Reflexintegration beginnen

NPE ist ursprünglich aus unserer Arbeit mit frühkindlichen Reflexen entstanden. Im Laufe der vergangenen Jahre wurde jedoch immer deutlicher, dass die Reflexintegration selbst bereits Voraussetzungen benötigt.

Das hat unseren Ansatz wesentlich verändert.

Früher stand die Integration frühkindlicher Reflexe am Anfang unseres Neurotrainings. Heute prüfen wir zunächst, ob das Nervensystem überhaupt über die Voraussetzungen verfügt, die für diesen Entwicklungsschritt benötigt werden.

Denn bevor ein Reflex über Bewegung integriert werden kann, muss der Körper die dafür notwendigen Informationen aufnehmen können und über die körperlichen Strukturen verfügen, über die diese Bewegung überhaupt organisiert werden kann.

Deshalb beginnt NPE heute bei Bedarf vor der eigentlichen Reflexintegration mit der Einrichtung des peripheren Nervensystems.

Über Haut, Körperwahrnehmung, Bindegewebe und Faszien arbeiten wir zunächst an den sensorischen und körperlichen Voraussetzungen, auf denen die spätere Reflexintegration aufbauen kann.

Genau daraus ist NPE Modul I entstanden.

Modul I – Einrichtung des peripheren Nervensystems

Modul I beschäftigt sich mit der Einrichtung des peripheren Nervensystems und der sensorischen Stimulation. Dazu gehören inzwischen verschiedene Entwicklungsbereiche wie die Aktivierung des Gesichts, die Einrichtung der Haut, sowie die Einrichtung des Bindegewebes und Fasziensystems.

Für viele Menschen stellt diese Arbeit eine notwendige Vorstufe zur Reflexintegration dar.

Modul II – Neuromotorische Reife und Reflexintegration

Erst im zweiten Modul steht die eigentliche Integration frühkindlicher Reflexe zur Erlangung der neuromotorischen Reife im Mittelpunkt.

Dabei wird zunächst der individuelle Entwicklungsstand des Nervensystems erfasst. Auf dieser Grundlage wird entschieden, mit welchen Reflexen und Bewegungsmustern gearbeitet wird und welche Reihenfolge für den jeweiligen Menschen sinnvoll ist.

Die Übungen orientieren sich an Bewegungsmustern der natürlichen kindlichen Entwicklung und werden regelmäßig über einen längeren Zeitraum durchgeführt. Sodass die Bewegungen nicht nur abtrainiert werden, sondern ein echter Lerneffekt entsteht, der dazu führt, das die nächst höher Ebene ausgebildet werden kann.

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