Neuroplastizität und sensible Phasen:

Ist Entwicklung später noch möglich?

Viele grundlegende Fähigkeiten entwickeln sich besonders leicht in bestimmten Phasen der Kindheit. Das Nervensystem ist dann für bestimmte Erfahrungen und Reize besonders empfänglich. Diese Zeiträume werden als sensible Phasen bezeichnet.

Daraus könnte zunächst der Eindruck entstehen: Ist dieses Zeitfenster vorbei, ist die entsprechende Entwicklung abgeschlossen – und was bis dahin nicht entstanden ist, lässt sich später kaum noch verändern.

Ganz so einfach ist es nicht.

Heute wissen wir, dass sensible Phasen nicht allein durch das Lebensalter bestimmt werden. Entscheidend ist auch der jeweilige Entwicklungszustand des Nervensystems. Die hohe Plastizität dieser Phasen wird durch konkrete biologische Prozesse reguliert: Bestimmte neuronale Netzwerke müssen einen entsprechenden Reifezustand erreichen, Erfahrungen müssen auf diese Netzwerke treffen und später sorgen verschiedene Mechanismen dafür, dass einmal entstandene Verbindungen zunehmend stabilisiert werden. Der Neurowissenschaftler Takao Hensch beschreibt sensible und kritische Phasen deshalb nicht einfach als feststehende Altersfenster, sondern als regulierte Zustände erhöhter Plastizität.

Auch in unserem Entwicklungsmodell ist deshalb nicht allein das Alter entscheidend, sondern die tatsächliche Reife des Nervensystems. Ein Entwicklungsschritt kann erst dann stattfinden, wenn die notwendigen Voraussetzungen dafür vorhanden sind: Das Nervensystem nimmt einen passenden Entwicklungsreiz dann auf, wenn es für diesen Schritt reif und bereit ist. 

Dass eine erhöhte Plastizität auch später wieder entstehen kann, zeigen verschiedene Untersuchungen. Besonders gut erforscht ist das am visuellen System. In Tierstudien konnte beispielsweise durch eine besonders anregende Umgebung mit vielfältigen sensorischen und motorischen Erfahrungen die Plastizität des erwachsenen visuellen Kortex wieder deutlich erhöht werden. Dabei veränderten sich auch biologische Mechanismen, die an der Öffnung und Schließung früher Entwicklungsfenster beteiligt sind.

Auch sogenannte perineuronale Netze spielen dabei eine Rolle. Vereinfacht gesagt stabilisieren sie mit zunehmender Reifung neuronale Verbindungen und begrenzen damit die Veränderbarkeit bereits aufgebauter Netzwerke. Werden diese Mechanismen in experimentellen Tiermodellen verändert, kann im erwachsenen Nervensystem erneut eine Plastizität entstehen, die Eigenschaften früherer kritischer Phasen aufweist.

Das erwachsene Nervensystem hat seine Fähigkeit zur Veränderung also nicht einfach verloren. Unter bestimmten Bedingungen kann seine Plastizität wieder deutlich zunehmen.

Auch die Forschung der Neurowissenschaftlerin Brigitte Röder ist in diesem Zusammenhang interessant. Sie untersucht unter anderem Menschen, die aufgrund angeborener Katarakte während früher sensibler Phasen keine normale visuelle Erfahrung machen konnten und erst später sehen lernten. Ihre Forschung zeigt zwei Dinge gleichzeitig: Frühe Erfahrungen hinterlassen deutliche Spuren in der Organisation des Gehirns. Gleichzeitig können auch später noch neue Fähigkeiten und neuronale Repräsentationen entstehen.

Was bedeutet das für NPE?

Genau hier setzt unser Entwicklungsmodell an.

Wenn ein Entwicklungsschritt nicht ausreichend stattgefunden hat, trainieren wir nicht einfach die Fähigkeit, die heute sichtbar fehlt. Wir schauen zunächst, welche Voraussetzungen für diesen Entwicklungsschritt notwendig sind und welche davon tatsächlich vorhanden sind.

Denn Entwicklung baut aufeinander auf. Weniger komplexe Fähigkeiten bilden die Voraussetzung für komplexere Fähigkeiten. Fehlen notwendige Grundlagen, kann auch ein späterer Entwicklungsschritt nicht ausreichend stattfinden. Genau deshalb testen wir bei NPE verschiedene neurologische Funktionen und versuchen herauszufinden, an welcher Stelle der Entwicklung wir tatsächlich ansetzen müssen. Auch diese Reihenfolge ist ein zentraler Bestandteil des NPE-Modells. 

Von dort aus arbeiten wir Schritt für Schritt weiter. Wir beginnen bei den Voraussetzungen, die noch nicht ausreichend entwickelt sind, und setzen die Reize, die das Nervensystem für den nächsten Entwicklungsschritt benötigt.

Dabei kommt es nicht nur darauf an, welcher Reiz gesetzt wird. Auch der Zeitpunkt und der Zustand des Nervensystems sind entscheidend. Der Reiz muss zuverlässig und präzise sein. Gleichzeitig muss der Teil des Nervensystems, auf den der Reiz trifft, bereit sein, ihn zu verarbeiten und neuroplastisch flexibel genug sein, um sich dadurch verändern zu können. 

Sensible Phasen sehen wir deshalb als Zeitfenster, die anzeigen, dass der nächste Entwicklungsschritt ansteht. Das System nimmt den passenden Impuls dann vollständig an, wenn es reif und bereit für diesen Schritt ist. Deshalb achten wir auf die Entwicklungsreihenfolge und versuchen, die sensible Phase für den jeweils nächsten Entwicklungsschritt zu treffen.

Genau das ist der Gedanke hinter der Nachentwicklung bei NPE: Wir versuchen, das Nervensystem wieder an den Entwicklungszustand heranzuführen, in dem der nächste Entwicklungsschritt möglich wird.

Dass Zustände erhöhter, kritische-Phasen-ähnlicher Plastizität auch im erwachsenen Nervensystem erneut entstehen können, ist experimentell gezeigt worden.

Hier liegt der Anknüpfungspunkt zwischen dieser Forschung und unserer eigenen Arbeit. Die Forschung zeigt, dass das erwachsene Nervensystem unter bestimmten Bedingungen wieder eine deutlich erhöhte Plastizität entwickeln kann. Bei NPE versuchen wir gezielt die Voraussetzungen zu entwickeln, die für den jeweils fehlenden Entwicklungsschritt notwendig sind, und den passenden Entwicklungsreiz dann zu setzen, wenn das Nervensystem dafür reif und bereit ist.

Und wo liegen die Grenzen?

Nachentwicklung bedeutet nicht, dass jede Entwicklung später vollständig nachgeholt werden kann. Frühe sensible Phasen haben eine besondere Bedeutung. Gerade Röders Forschung zeigt, dass frühe Erfahrungen die spätere Organisation des Nervensystems langfristig prägen können. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass spätere Entwicklung und neuronale Veränderung weiterhin möglich sind.

Auch in unserem Entwicklungsmodell gehen wir davon aus, dass Entwicklung nachgeholt werden kann, wenn sie nicht optimal verlaufen ist. Gleichzeitig wird eine vollständige Nachentwicklung schwieriger, je größer die Entwicklungslücken sind. 

Deshalb versprechen wir nicht, einen Menschen nachträglich genau dorthin zu bringen, wo er unter optimalen Entwicklungsbedingungen heute stehen würde. Es gibt Grenzen – und wir wissen im Einzelfall vorher nicht vollständig, wo diese liegen.

Unser Ziel ist deshalb, herauszufinden, welches Entwicklungspotenzial heute noch vorhanden ist, welche Voraussetzungen dafür fehlen und wie weit dieses Potenzial noch entwickelt werden kann.

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